Die Wahrnehmung der umgebenden Welt

Textresearch von Seigun Xie und Tobias Barton


"Die symbolische Domestikation des Raums"
von André Leroi-Gourhan

„Die symbolische Domestikation des Raums“ ist ein wissenschaftlicher Text, der 1965 von dem französischen Prähistoriker und Anthropologen André Leroi-Gourhan (1911 – 1986) verfasst wurde. Er thematisiert die Sesshaftwerdung des Menschen sowie die damit einhergehende symbolische Charakterisierung von Zeit und Raum.

Die Wahrnehmung der umgebenden Welt kann auf zwei verschiedenen Wegen erfolgen. Die dynamische Wahrnehmung stellt jene Welt als Strecke dar, auf der man sich bewegt. Dabei durchquert man den Raum und nimmt Kenntnis von ihm. Diese Art der Wahrnehmung ist an ein Übergewicht der muskulären und olfaktorischen Wahrnehmung gebunden. Die Welt kann jedoch auch statisch bzw. strahlenförmig wahrgenommen werden. Hierbei werden aufeinanderfolgende Kreise um sich herum angeordnet und der Fokus liegt auf den beiden Oberflächen Himmel und Erde. Arten mit hochentwickeltem Gesichtssinn verwenden hauptsächlich diesen Wahrnehmungsmodus. Obgleich beide Wege bei allen Tieren existent sind, ist die Ausprägung sehr unterschiedlich. So ist der Modus der Wegstrecke für Landtiere charakteristisch, der Modus der strahlenförmigen Wahrnehmung hingegen eher für Vögel. Die Ausprägung beim Menschen hängt vom Grad der Sesshaftigkeit ab.

Behausungen müssen drei hauptsächliche Anforderungen erfüllen. Dies sind technische Effizienz sowie die Schaffung eines Rahmens für das soziale System und die Schaffung einer Ordnung. Zum ersten Punkt lässt sich sagen, dass Mensch und Tier die Wahrnehmung eines Sicherheitsbereiches, eines Zufluchtsortes und sozialisierender Rhythmen gemeinsam haben. Diesen Bedürfnissen wird durch den Bau von technisch effizienten Schutzgelegenheiten nachgekommen, in denen der Mensch einen großen Teil seines Lebens verbringt. Er beginnt also, erste Behausungen zu bauen und damit Zentren für eine beherrschbare Zeit sowie einen beherrschbaren Raum zu schaffen. Unter anderem errichten der Moustérien (50000 v. Chr.) und der Châtelperronien (30000 v. Chr.) mit als erste Kulturen solche einfachen Behausungen. Jene der ersteren Kultur sind Feuerstellen, die mit Steinwerkzeugen ausgestattet und von Gebeinen und Knochen umgeben sind. Die Behausungen der letzteren Kultur hingegen sind bereits Zelte, die auf gesäuberten Stellflächen stehen und von Steinhaufen umgeben sind. In beiden Fällen ist sowohl eine Differenzierung in der Ausstattung zwischen Mann und Frau als auch eine Abgrenzung des Wohnraums gegen das Chaos der Natur und somit eine gewisse Ordnung von Raum und Zeit erkennbar.

Mit der Entwicklung der Zivilisation versuchen die humanisierten Gruppen, eine derartige Ordnung des Universums durch ein symbolisches System zu schaffen. Unter der Hülle einer Zeit, eines Raumes und einer Gesellschaft vollkommen symbolischen Charakters wird es möglich, die genetische Ordnung durch eine ethnische abzulösen. Kalender, Uhr und Längenmaße sind wichtige Instrumente, welche die Natur in symbolischer Weise unter die Herrschaft des Menschen stellen. Durch städtische Zentralisierung und Wahrnehmung der fix empfundenen astralen Bewegung des Himmels wird die Ordnung immer weitergebildet. Das Leben erfolgt in der Assimilation von Symbolen der Sternenbewegung an diese Bewegung selbst oder über ein entsprechendes Symbol. Aber die Bewegung des Universums ist in der Tat nicht nur eine Rotation, sondern auch Wechsel und Opposition der Gegensätze, wodurch man mit Identitäten und Gegensätzen den gesamten Bereich des Bekannten umspannen kann. Zwar kann man die Bewegung des Universums nicht verändern, aber man kann trotzdem eine Ordnung schaffen und dadurch ein besseres Leben inmitten eines chaotischen Universums führen.

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